Dienstag, 5. Juni 2012

Sie schließt ihre Augen, doch es hilft nicht.

Der Wecker klingelt. 
Sie steht auf, weiß, dass sich heute nichts verändern wird.
Sie hasst jeden neuen Tag, hasst es, heimlich ins nächste Zimmer zu schleichen.
Sie hasst den Spiegel.
Sie will sich nicht sehen- sie schließt ihre Augen, doch es hilft nicht.
 Sie entkleidet sich, wie jeden Morgen.
Jeder Andere würde sich nicht entkleiden, nicht vorher alle Ketten abgenommen haben.
Doch sie tut es- braucht Gewissheit, dass die Zahlen nicht verfälscht sind.
Sie will die Zahlen nicht sehen, nicht gesehen haben.
Sie schließt ihre Augen, doch es hilft nicht.
Sie blinzelt, öffnet die Augen doch. 
Sie kann es nicht glauben, wie jeden Morgen, ob nun im positiven oder
negativen Sinne. Sie stellt sich erneut darauf- andere Zahlen werden angezeigt, wie immer.
Sie weiß nicht, was sie glauben soll, verzweifelt.
Es klopft an der Tür, sie zuckt zusammen, zieht sich etwas über, 
räumt alles weg. 

Abends sagt sie sich, morgen würde sich alles verändern. Nur um immer wieder festzustellen, dass sich nichts geändert hat.

Sonntag, 3. Juni 2012

Die Uhr zeigt 12:45 Uhr an- Pause für die Anderen.
Doch nicht für sie und mich.
Wir lachen, unterdrücken den Drang, zu schreien.
Natürlich habe ich Angst, aber ich lache einfach.
Wir reden über belanglose Sachen, sagen, dass alles halb so schlimm ist.

Der Weg zieht sich. Den Weg bin ich schon oft gegangen,
doch heute nehme ich jedes Haus wahr.
Heute verfluche ich diesen Weg.
Unsere Schritte, die anfangs schnell und hektisch waren,
werden immer langsamer.
Wir wollen nicht ankommen, wollen uns nicht stellen.

Wir erreichen das Gebäude, gehen die Treppe hoch,
den weißen, sterilen Gang entlang.
Er zieht sich wie Kaugummi.
An der Tür steht nur eine Zahl, kein Name,
keine Abteilung. Nur eine Zahl.
Wir sind unsicher- klopfen oder warten und sagen,
es wäre niemand da gewesen?

Sie klopft. Die Frau ist alt, wirkt erfahren.
Sie hat Altersflecken, ist Oma, wie wir erfahren.
Wir setzen uns auf ein Sofa, neben uns steht eine Puppenstube.
Der Raum macht mir Angst, die Heizungsrohre knurren bedrohlich.
Draußen regnet es. Ich finde Regen beruhigend, doch heute wirkt er
hektisch, so, als würde er schreien.

Ich bin als erste dran. Muss reden. Ich bin unsicher,
stottere, sage Sachen, die ich nicht sagen will.
Verdrehe Tatsachen, weil mir die Wahrheit nicht einfällt.
Die Frau lacht, sagt, ich sei in Ordnung.
Sie gibt mir einen Zettel, weist auf meine
Unselbstständigkeit hin.

Als ich draußen bin, gehe ich auf die Knie.
Bin ich unselbstständig?
Ich, die morgens um 5 Uhr aufsteht, um das Haus zu putzen?
Ich, die viel hilft, Tiere füttert, Blumen gießt?

Unsicherheit kommt auf- was ist, wenn diese Frau Recht hat?

Samstag, 2. Juni 2012

Sie sitzen am Tisch.
Sie lachen, reden und essen.
Sie essen mehr und mehr, lecken sich über ihre beschmierten Lippen.
Sie loben die Köchin, loben mich.

Ich sitze still da. Zwischen all den Köstlichkeiten.
Ich hatte es ihr versprochen- versprochen zu kosten
Doch ich hatte gestern schon genascht, als ich die Cremes der Torten probierte.
Gestern konnte ich nicht aufhören. 
Ich kann heute nicht essen.
Doch ich stehe unter Beobachtung.

Langsam esse ich, kaue und zähle dabei.
Ich springe auf, als die Letzten mit ihrem Festmahl fertig sind.
Schnell räume ich alles ab.
Sie sagten, ich bräuchte das nicht- sagten, es wäre mein Tag.
Doch ich musste die Speisen aus meinem Blickfeld bekommen.

Es war doch erst der erste von drei Gängen.
Ich rede mit jedem, biete jedem Essen an und hole ihnen, was sie wollen.

Das ist nun fast eine Woche her und doch beschäftigt es mich.



Der Mann holte mich in sein Büro. 
Er kannte mich nicht, doch ich kannte ihn.
Er bat mich, mich hinzusetzen.
Ich bekam Angst, was wollte er von mir?
"Du musst nicht 2 Mal durch die Tür kommen, um ein Mal gesehen zu werden",
war alles, was er sagte.

Das ist nun fast 1/2 Jahr her. Ich sah den Mann nie wieder.
600 Gramm sind nicht nur 600 Gramm.
600 Gramm sind 0,6 Kilogramm.
Und 0,6 Kilogramm sind mehr als 1/2 Kilogramm.
Mehr als 1/2 Kilogramm sind fast 1 Kilogramm.
Und das kann man sich nicht erlauben.